Berlin-Blankenburg

Auch Deine/Ihre "Glücksgeschichte"
ist unter Redaktion@Berlin-Blankenburg.de gerade in dieser Zeit sehr willkommen!


6. ...


5. Warum Fotografie glücklich macht

Hallo,
ich wünsche dir einen wunderbaren Wochenanfang. Vielleicht geht es dir ähnlich wie mir: Draußen ist ein wunderschöner Frühlingsanfang. Jeden Morgen singen in der aufgehenden Sonne lautstark die Amseln ihr Balzlied und in wenigen Wochen werden sicherlich unterhalb meiner Terrasse kleine Amselbabys geschlüpft sein. In meinem Garten stehen die Tulpen in ihrer schönsten Blüte. Alles scheint wie immer und trotzdem liegt ein dunkler Moment über allem.

Ich kann das so schlecht beschreiben und irgendwie erinnert mich die Situation an die 80er Jahre, als Tschernobyl seine unheilvollen Schatten vorauswarf. Ich mache mir viele Gedanken darüber, wie es „danach“ weitergehen soll. Einerseits empfinde ich diese Situation als einmalige Chance, viele gesellschaftliche Dinge besser zu machen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es „danach“ irgendwie noch schlimmer werden könnte, als es jetzt schon ist. Dass wir weiterhin unsere Natur zerstören, dass wir uns noch mehr in Arbeit und Konsum verstricken und vergessen, dass wir ein Teil der Natur sind und die kleinen Dinge des Alltags uns glücklich machen.

Am Wochenende wurde ich von einem Kollegen gefragt, was in diesen Zeiten meine Glücksgeschichte sei. Ich wusste erst einmal keine Antwort darauf. Die Frage nach dem Glück ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Was ist Glück und was macht uns glücklich? Heutzutage wird Glück oft mit Konsum gleichgesetzt: Viele Marketingstrategien sind so konzipiert, dass dem Käufer versprochen wird, mit der neuen Kamera, mit dem neuen Objektiv glücklich zu werden. Doch jeder weiß, dass das Glück nur von kurzer Dauer ist. Vielfach verschwinden die Gegenstände nach kurzer Zeit in Schubladen und Schränken und werden schnell vergessen.

Ich schreibe hier aus eigener Erfahrung. Wie oft bin ich beim Aufräumen auf Dinge gestoßen, von denen ich nicht mehr wusste, dass ich sie überhaupt besitze. Die andere Frage ist: Können uns andere Menschen glücklich machen? Brauchen wir andere Menschen zum Glücklichsein? Partner, Eltern, Kinder, Freunde? Ich würde die Frage mit janein beantworten. Es gibt viele Momente, wo uns andere Menschen glücklich machen können. Mit einer Umarmung, beim Zuhören, bei gemeinsamen Erlebnissen. Wenn ich zurückschaue, sehe ich viele Situationen vor mir, in denen ich mit meiner Familie und Freunden viele glückliche Momente hatte.

Aber was ich ganz genau weiß, ist, dass mich das Fotografieren, vor allem in der Natur, glücklich macht. Woran mache ich das fest? Es ist zum einen die Bewegung an der frischen Luft. Das Einatmen von Gerüchen. Ich liebe den Geruch von Wäldern, von dem Meer. Das würzige Harz, der Geruch von feuchten Waldböden oder einer warmen salzigen Seebriese. Ich liebe die Geräusche: Der Wind der durch die Bäume weht. Das Vogelgezwitscher, das Rufen der Eule oder das Röhren vom Hirsch in der Dämmerung, das Rauschen der Wellen. Auch wenn die Bienen summen und die Glühwürmchen in der Dunkelheit leuchten. All diese Dinge machen mich glücklich und dies mit der Kamera festzuhalten insbesondere.



Ich kann mit meiner Kamera meinen Gefühlen Ausdruck verleihen, ob freudige oder melancholische Momente und wenn ich bei der Fotografie und der Bildbearbeitung in einen Flow komme, fühle ich mich sehr erfüllt. Das Wechselspiel zwischen der Fotografie in der Natur und der Bearbeitung zu Hause am PC möchte ich nicht missen – beides gehört für mich zusammen. Vor allem, wenn ich meine positiven Gefühle aus der Natur mit der Bildbearbeitung in Form von Farbe und Lichtstimmung darstellen kann. Zudem liebe ich es, in der Natur mit der Kamera kreativ zu spielen. Und es macht mich besonders glücklich, wenn ich auf meinen Fotos später am Bildschirm kleine Dinge sehe, die mir vor Ort verborgen geblieben sind.



Ja, Fotografie macht mich sehr glücklich, weil ich mich dann eins mit der Natur fühle. Meine innere Mitte finde, meine Sorgen vergessen kann und genau im Jetzt bin. Es ist egal, was gestern war und morgen kommt. Jetzt ist der Moment, ein Foto zu machen, das mich erfüllt. Sie mit allen Sinnen genießen und abschalten. Die Natur ist so wunderschön, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. In diesen Momenten brauche ich keinen Menschen um mich herum. Auch das Alleinsein macht mich glücklich. Ich muss mich niemandem beweisen, muss mich nicht verstellen, ich darf so sein, wie ich bin. Die Natur nimmt mich so, wie ich bin.

Einen der glücklichsten Momente hatte ich, als ich im letzten Spätsommer ganz früh alleine, nur begleitet von meiner Hündin, in der Sächsischen Schweiz den Gamrig bestieg, von dem ich damals gar nicht wusste, welche kulturgeschichtliche Bedeutung er verbirgt. Im Tal stieg der Nebel auf und die Landschaft war in einen ganz besonderen Glanz gehüllt. Ein unglaubliches Erlebnis, das mich noch heute beim Anblick der Bilder eine Gänsehaut verspüren läßt. Die ausführliche Geschichte habe ich für dich in meinem neuen Buch „Gefühl und Verstand - Naturfotografie“ niedergeschrieben.

Eine wunderschöne Woche und bleib gesund!

Deine Jana

Jana Mänz - 07.04.2020 -


(Der vollständige Text ist im aktuellen Buch von Jana Mänz
"Gefühl und Verstand - Naturfotografie" erschienen.
)


4. Homeoffice: Von Balkon zu Balkon

In Corona-Zeiten, habe ich festgestellt, passiert an vielen Tagen nichts, und dann plötzlich alles auf einmal. Für mich war der letzte Sonnabend so ein Tag. Meine Tochter kam aus Kassel wieder, wo sie auf der Kinderonkologie gearbeitet hatte. Sie ist Medizin-Studentin. Ich versprach, sie vom Bahnhof abzuholen und freute mich auf einen Abend mit meinen Kindern.

Aber dann, am Freitag, rief mein Mann an. Er war immer noch in Israel, sollte am Montag über Moskau nach Berlin zurückfliegen, aber der Flug war gestrichen worden. Es gab nur noch eine Möglichkeit, um nicht monatelang alleine in Tel Aviv festzusitzen: unsere Sachen zurücklassen, morgens um sechs nach Amsterdam fliegen und von dort mit dem Auto nach Berlin fahren. Ein abrupter Abschied nach zwei Jahren. Und dann noch mit Kater.

Ein wenig widerwillig packte er den Koffer. „Brauchst du noch was?“, fragte er am Telefon. „Die Geburtsurkunden, den Schmuck und zwei Kleider“, sagte ich. „Und Socken“, wollte ich noch hinzufügen, weil ich nur zwei Paar mit nach Berlin gebracht hatte. Aber dann musste ich an Thea Gottschalk denken, die, als ihr Haus in Kalifornien abbrannte, das Katzenklo ins Auto packte, aber nicht die Rilke-Handschrift ihres Mannes. Kurz danach hatte er sie verlassen, nach fast 50-jähriger Ehe.

„Mehr nicht“, sagte ich zu meinem Mann, erinnerte ihn aber sicherheitshalber an die Tierarztunterlagen. „Ich hoffe, Jimmy lässt sich einfangen, nachts um drei“, sagte er. „Ich lasse mein Handy an“, sagte ich. Als würde ihm das helfen!

Nachricht von Yael

Vor dem Schlafengehen bekam ich eine Nachricht von Yael, mit der ich mir zwei Jahre lang Briefe zwischen Tel Aviv und Berlin geschrieben hatte. Ich wohnte jetzt wieder gegenüber von ihr und konnte ihr ins Fenster sehen, aber unser Wiedersehen hatten wir uns auch ein bisschen anders vorgestellt. Sie schrieb: Morgen Abend werde sie ein Balkon-Konzert veranstalten, ich solle den Nachbarn Bescheid sagen. „Wunderbar“, schrieb ich zurück und kündigte an, dass meine ganze Familie zusehen werde. Wenn alles gut gehe.

Es wurde alles gut. Das wusste ich, als ich am nächsten Morgen die Katzenfotos sah, die mir mein Mann von der Reise geschickt hatte. Dazu Kommentare wie: „Jimmy ist in Amsterdam angekommen. Er sieht gerade zum ersten Mal Holland. Ziemlich flach alles.“ Oder: „Jimbo ist jetzt schon stoned, sonst hätte er den Flug nicht durchgestanden. Sagt er.“

Ich stand auf, ging einkaufen, winkte Yael zu, die auf ihrem Balkon die Technik aufbaute, setzte mich in die Sonne und genoss noch einmal die Ruhe vor dem Sturm. Ein paar Stunden später, pünktlich zu Konzertbeginn, war es soweit. Wir standen auf unseren Balkonen – die ganze Familie – und hörten Yael und ihren Musikern zu. Sie sang: „We are flying to the Moon“.

Und natürlich schien auch noch der Mond.

Anja Reich - 06.04.2020 -


(Der vollständige Text ist erstmals als Kolumne im Ressort "MENSCH & METROPOLE"
in der Berliner Zeitung vom 01.04.2020
erschienen.
)


3. Verlieren geht über Studieren

Die Lage in Worte zu fassen, war auch für Sprachfremde einfach: Malheur! Catastrophe! Désastre! Das verstand sich alles beinahe von selbst. Aber wie sagt man bitte schön auf Französisch: „Meine Papiere sind weg“?

Wir standen im Foyer unseres Hotels in Antibes an der Côte d’Azur, in der Mitte gelegen zwischen Cannes und Nizza, als ich genau das feststellte. Mein Pass war unauffindbar. Nicht hier, nicht da. Weg.

Das war Donnerstagabend, der Rückflug sollte Samstagfrüh sein. Ich geriet augenblicklich in Panik. Wie sollte ich ohne Papiere ins Flugzeug kommen, wie durch die Sicherheitschecks, wie je wieder zurück nach Berlin? Würde man mich ohne ein Ausweisdokument mitfliegen lassen? Würde ich einen Fernbus nehmen müssen oder den Zug, mich beim Grenzübertritt im Bordklo verstecken, und woher sollte ich überhaupt wissen, wann was wo abfährt? Wie sollte ich mich verständlich machen auf Französisch, was ich höchstens bruchstückhaft spreche? Was für ein ironischer Abschluss für eine Sprachreise, um die rudimentären Kenntnisse aufzufrischen.

Eine englischsprachige Reiseleiterin eilte im Hotelfoyer herbei, um zu helfen. Ob ich den Pass vielleicht irgendwo verloren hätte? Woran ich mich erinnern könnte? Wo also war ich gewesen? Angekommen waren wir in Montpellier, mehr als 300 Kilometer westlich von Antibes. Die freundliche Reiseleiterin klappte ihren Laptop auf und suchte auf der Website des Aéroport Montpellier nach verlorenen Gegenständen.

Ich lernte: „objets oubliés“.

Kleine Klassen und viele Freizeitangebote

Montpellier ist eine südfranzösische Stadt voller Studenten, fast jeder dritte der 280 000 Einwohner ist an einer Hochschule eingeschrieben. Das kleine historische Zentrum ist charmant und voller Prachtbauten, einiges noch aus dem Mittelalter erhalten, anderes den Pariser Boulevardbauten des 19. Jahrhunderts nachempfunden.

Meine Reisegruppe hatte die Sprachschule „Accent Français“ besucht. In einem historischen Haus mit knarzenden Dielen füllten uralte Kamine die Ecken der Klassenräume, und an den Wänden wellten sich große Frankreich-Karten. Es studierten 204 Schüler aus 34 Ländern. Kleine Klassen und viele Freizeitangebote, sogar Kochkurse. Das fand ich gut. Fremde Sprachen auf bescheidenem Niveau zu sprechen ist wie Resteessen: aus dem was noch da ist etwas Brauchbares mixen. Wir hörten zu, wie Chinesen, Südafrikaner, Schweizer und Japaner im A2-Kurs über ihr Traumhaus sprachen. Und wie Lehrerin Jeanne die vielen verschiedenen, für uns völlig unverständlichen Akzente alle entschlüsseln konnte, weil sie einen Master hat in „Französisch als Fremdsprache“.

Dass Haus „maison“ heißt, und Traum „rêve“, habe ich mir gemerkt. Was Albtraum heißt, kam nicht vor.

Ein Anruf am Flughafen: „Objets oubliés?“ Non.

Von Montpellier fuhren wir nach Avignon, die Stadt der Päpste. Im 14. Jahrhundert regierten von der mächtigen Burg aus mehrere Kirchenoberhäupter, bis der Sitz etwa 100 Jahre später wieder zurück nach Rom verlegt wurde. Ein kolossaler Sturm hatte die Touristen, kaum dass sie aus ihren Bussen gequollen waren, vor sich her gefegt, bis sie sich hinter den meterdicken Altstadtmauern in Sicherheit bringen konnten. Le mistral, ein fieser kalter Nordwind. Hatte er meinen Ausweis hinfort geweht?

Keiner sprach Englisch, ich wurde ganz wütend

In Antibes griff ich zum Computer, suchte die Telefonnummer der Deutschen Botschaft in Paris, rief an und lernte: Rap. Ein Rap ist ein Reiseausweis als Passersatz. Mit dem würde ich ausreisen können, und den bekäme ich ganz schnell, ich bräuchte nur zwei Passfotos und eine Verlustanzeige von der Polizei, und man habe Freitag bis 18 Uhr geöffnet, alles „pas de problème“. Aber ich war doch gar nicht in Paris!

Das nächste Konsulat befand sich in Marseille, immer noch 200 Kilometer von meinem aktuellen Aufenthaltsort entfernt. Aber dann fand ich Nizza in der Liste mit den deutschen Honorarkonsulaten. Das war nur 30 Kilometer weit weg – und hat fast immer zu, wie ich feststellte, als ich anrief. Das Ansageband teilte mir mit, dass man am Freitag von 8.45 bis 11.45 Uhr geöffnet haben werde. Diese drei Stunden waren mein Zeitfenster am nächsten Tag für: Verlustanzeige bei der Polizei stellen, Passfoto machen, mich im Konsulat anmelden und irgendwie dorthin kommen.

Einen Photomaton, einen Fotoautomaten, gebe es im „Casino“, dem nahen Supermarkt, hieß es an der Rezeption. Ich schlief schlecht. J’ai mal dormi.

Früh am nächsten Tag hetzte ich los. Gleich um die Ecke hatte man mir gesagt. Da war nichts. „Le Casino?“, rief ich den wenigen Menschen auf der Straße zu. Diese zeigten mal hierhin, mal dorthin, keiner sprach Englisch oder weigerte sich, es zu verstehen. Ich wurde ganz wütend: Können Franzosen nicht mal ordentlich einen Weg zeigen?

Am Ende fand ich das Geschäft, aber der Automat wurde gerade gewartet. Aarrrgh. Zurück ins Hotel, zum nächsten Casino. Eine elegante Französin von der Touristeninformation fuhr mich. Der Fotoautomat dort war frei. Ich setzte mich rein, der Automat sprach mich an, natürlich auf Französisch. Je ne comprends pas un mot! Die Dame aus dem Auto übernahm die Kommunikation, drückte hier, drückte da, schmiss Geld ein, wosch! machte es, und dann warteten wir.

Ich lernte: Qu’est-ce que je ferais sans vous! Was würde ich ohne Sie machen!

Weiter ging es zur Polizei. Wir parkten direkt vor der Wache im absoluten Halteverbot. „Un moment“, sagte die Frau. Und schon kam ein junger Polizist heraus, Madame, Sie können hier nicht parken. Aber da hatte er sich geschnitten. Maschinengewehrsalvenartig redete meine Helferin ihn nieder, important, hörte ich, wichtig, office de tourisme, zweimal machte der junge Mann den Mund auf und gleich wieder zu, dann hatte er begriffen: Wenn er mir jetzt nicht tout de suite, sofort, eine Verlustanzeige für meine Papiere ausstellt, war es vorbei mit dem Tourismus an der Côte d’Azur.

Ich bekam ein dünnes Blatt Papier mit schief kopierten Linien drauf. Das Formular für Verlustanzeigen. Ich lernte: Déclaration de perte. Wir trugen meinen Namen ein, dann knallte der Polizist mit einem großen Stempel darauf herum. Die elegante Französin lächelte charmant, ich seufzte erleichtert. Und schon saß ich im Taxi.

Das deutsche Honorarkonsulat in Nizza versteckt sich im zweiten Stock eines schmuddeligen Hauses in der von parkenden Transportern verstellten Rue de France, hinter billigen Türen und Pressspanambiente mit Neonlicht. Wie hatte es im Internet geheißen: „ein Ort bilateraler Repräsentation“. Immerhin klebten die Bundesadler auf den Namensschildern, die den Ort bilateraler Repräsentation von der Abstellkammer und den Toilettenräumen unterscheiden.

Hätte ich nur Französisch gesprochen!

Die Angestellte des Honorarkonsulats öffnete mir die Tür. Um 11.30 Uhr, eine Viertelstunde vor Büroschluss. Mir klebte die Frisur am Kopf. Die Konsulatsangestellte reichte mir Formulare, die ich gewissenhaft und schwer atmend ausfüllte. Nicht ohne Stolz gab ich ihr meine brandneuen Passfotos. Zahlte 21 Euro, erhielt meinen Rap, der mich zur einmaligen Einreise in die BRD berechtigt – und mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich werde nach Hause kommen, vive l’Allemagne!

Leicht wie eine Feder hüpfte ich zurück auf die Straße. Wie viel heller sieht doch gleich alles aus! Mein Handy wies mir den Weg zum Bahnhof, zurück zu meiner Gruppe in Antibes.

Erst mal jedoch etwas essen. Croissant und Café au lait, très français. Dass ich in einem Café landete, das bei genauer Betrachtung eher einem Dönerimbiss ähnelt, und der Kaffee nach Plörre schmeckte, ach egal! Dass ich Blasen an den Füßen hatte, als ich endlich den Bahnhof erreichte, na und! Dass dort Streik war und wütende Menschen in Megafone blökten, während andere mit Transparenten wedelten – Moment mal.

Hätte ich nur Französisch gesprochen! Sofort eine Reportage über die Bahnstreiks verfassen und den attraktiven Mann interviewen können, der das Megafon hielt, und etwas für die deutsch-französischen Beziehungen tun, quasi bilateral repräsentieren können. Aber so stand ich nur dumm herum, nicht mal einen Zettel mit Streikparolen fand ich. Meine verschiedenen Ansätze, die Herumstehenden um Informationen zu bitten, führten jedes Mal nur dazu, dass sie mir zeigen wollten, wo der Fahrkartenautomat stand.

Zurück in Berlin bekam ich Post vom Bezirksamt

Dieser entpuppte sich als ein sehr problematisches Gerät für Nicht-Franzosen. Vermutlich noch viel komplizierter als die Geräte, mit denen die Deutsche Bahn die Reisenden um den Verstand bringt – und dann alles noch in dieser unverständlichen Sprache. Ich lief zu zwei Herren mit Uniform. Aidez-moi! Helfen Sie mir! Würden sie vielleicht, aber sie hörten gar nicht zu, als ich losradebrechte. „Voilà“, sagten sie und zeigten auf den Automaten. „Messieurs!“, rief ich und: „Antibes!“ Wieder sagten sie „voilà!“ und zeigten auf einen Bahnsteig, wo gerade ein Zug einrollte. Ein TGV. Ich sprang hinein. Die Türen schlossen sich. Nächster Halt Antibes.

Meinen Rap hielt ich fest in der Hand und hoffte eine Viertelstunde lang, dass keine Fahrkartenkontrolleure kommen würden. Meinen Rap ließ ich überhaupt nicht mehr los, bis ich am kommenden Tag wieder in Deutschland gelandet war.

Ich habe ihn bis heute aufbewahrt. Zur Erinnerung, als Souvenir – und um nicht zu vergessen, dass ich beizeiten einen Französischsprachkurs machen sollte. Wenn ich das nächste Mal in Frankreich strande, möchte ich vorbereitet sein.

Nach ein paar Tagen in Berlin bekam ich Post vom Bezirksamt. Vom Fundbüro! Ich möge bitte vorstellig werden und meinen Ausweis abholen. Quelle surprise! Wie das geschehen war, konnte mir keiner sagen. Fundsachenakten würden sofort gelöscht, wenn die Fundsache ihren Besitzer wiedergefunden habe. Vielleicht hatte eine elegante Französin ihn gefunden oder ein verwirrter Polizist oder ein wütender Bahnmitarbeiter und ihn in den Briefkasten geworfen. Wer auch immer, dachte ich: Merci beaucoup!

Ariane Bemmer - 30.03.2020 -


(Der vollständige Artikel ist mit dem Titel "Sprachreise nach Frankreich"
erstmals im Tagesspiegel vom 21.02.2019
erschienen.
)


2. My Penfriends

Unser emotionales Gedächtnis verknüpft besondere Ereignisse in unserer Vita gern mit Namen von Personen und dazugehörigen Orten. Wir speichern sie zusammen in einer Art Perlenkette ab, die man Lebenserfahrung nennt.

Till Winston (GB), Naoko Asano (J), Janet Harkins (NZ) und Debby Urbanovicz (CDN) sind zum Beispiel Namen von Menschen, denen ich im Leben nie persönlich begegnet bin. Und doch ist meine Erinnerung an sie seit meiner Schulzeit eng verknüpft mit vielen positiven Emotionen und ... mit einer Wandzeitung.

Es ergab sich aus einem typisch-provokanten Pennäler-Spaß, der - wie sich bald herausstellen sollte - ebenso erfolgreich wie folgenschwer war.

Zum Aufsatzthema "Briefe an Freunde" in der 11b1 der "Friedrich-List-Schule" in Niederschönhausen kam mein Banknachbar mit mir auf die "anstößige" Idee, nicht - wie erwartet - die vielbesungene "deutsch-sowjetische Freundschaft" ins literarische Licht zu rücken. Nein, Karlchen und ich beschlossen stattdessen, einen Versuchsballon in Richtung westliche Welt zu starten.

Ein Globus, der auch in Ostberlin zum gängigen Schulbedarf gehörte, war schnell zur Hand und eine Auswahl möglichst interessant klingender Städte im Nu erstellt. Um den Überblick zu wahren, hatten wir uns insgesamt 10 markante Orte ausgeguckt, wobei jeder von uns fünf Favoriten seiner "Traumziele" benannte.

Nicht alle sind mir in Erinnerung geblieben, doch die meisten sind sogar heut' noch nachweisbar (siehe Foto):

Cognac (Frankreich); Bristol (England); Sendai (Japan); Port Stanley (Falklandinseln); Churchill (Manitoba/Hudson Bay/Canada); Tokomaru Bay (Neuseeland); Kalkutta (Indien); ... hießen unsere Anlaufstellen.

Nach kurzer Recherche ging schon tags darauf der gemeinsam in Schul-Englisch verfasste Brief zehnfach - jeweils mit ausreichender Frankierung versehen - per Luftpost auf die Reise. Adressiert mit "To the General Post Office" begann unser Rundschreiben mit "Dear Sir", was durchaus dem damaligen Zeitgeist entsprach. Im weiteren Text stellten wir uns kurz als Schüler "from the GDR" vor, die an einer Brieffreundschaft interessiert seien und baten um öffentlichen Aushang unserer Offerte in einem Schaukasten des Postamts...

Tagelang kreisten unsere Gedanken um kein anderes Thema mehr. Würde unsere "Flaschen-Luftpost" überhaupt irgendwo ankommen? Sicherheitshalber hatten wir niemanden eingeweiht. Es galt, die mögliche, ja sogar wahrscheinliche Blamage zu verheimlichen, falls gar keine Antwort käme.

Doch nach ca. zwei Wochen intensiver Spannung trafen endlich erste Karten und Briefe ein. Die Resonanz war letztlich überwältigend: Als Erster schrieb Eric aus Cognac. Sein Vater war der Postvorsteher und hatte ihm unseren Brief einfach mit nach Hause gebracht. Dann kam eine Karte aus Bristol mit typischem Royal-Motiv "Queen und Prinz Andrew hoch zu Ross", von der wir lernten, dass Till in England auch ein cooler Mädchenname ist.

Aus fast allen angeschriebenen Städten kam mehr als ein Freundschaftsangebot zurück. Die Krönung der Aktion aber stellte sich in Neuseeland ein, von wo nach und nach mehr als 30 Zuschriften aus allen Regionen dieses für uns damals unerreichbar scheinenden Inselstaates im Südpazifik eintrafen. Bald erfuhren wir auch den Grund: in der Hauptstadt Wellington hatte der "General Manager" keinen Aushang gemacht, sondern unseren Brief einfach gleich im landesweit vertriebenen Magazin der NEW ZEALAND POST GROUP veröffentlicht.

An der Schule sprach sich unser Erfolg dann schnell herum. Und auch mein Aufsatz hatte wohl deutlich mehr als nur eine (rote) Farbe. Als "diensthabender" Wandzeitungsredakteur, der ich damals zufällig war, sah ich es zudem als selbstverständlich an, auch einen kurzen aber bunt bebilderten Artikel zum Thema an das oft so trostlos wirkende schwarze Brett zu pinnen.

Nach der Devise: "Wer viel fragt, bekommt viel Antwort!" verströmten schon bald einige exotische Ansichtskarten garniert mit ein paar flotten Zeilen ihren unwiderstehlichen Reiz im Klassenzimmer.

Die meisten Mitschüler freuten sich mit uns und nannten es "geniale Idee"! Für andere humorlose Gemüter war es wohl eher eine "illegale Verbindungsaufnahme ins nichtsozialistische Ausland (NSA)", wenngleich es nicht verboten war.

Trotzdem war der Artikel samt Karten schon am nächsten Tag von der Wandzeitung verschwunden. Auf die empörte Nachfrage beim Klassenlehrer verwies der uns ohne Kommentar direkt ... an den Direktor.

Nach einigen vergeblichen Anläufen, über das Sekretariat einen Termin beim Direks zu bekommen, ließ er uns schließlich eine Art "Botschaft" ausrichten, die mir hernach im späteren Leben - so oder ähnlich - noch mehrfach begegnen sollte:

"Die Überprüfung der Wandzeitungen an unserer Schule ist ein üblicher Vorgang in der Arbeit der Schulleitung und erfolgt insbesondere zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit turnusmäßig..."


Nachtrag: Wir lenkten dann ein und fragten nicht mehr nach. Schließlich wollten wir ja wegen unserer bunten Brieffreundschaften nicht noch von der Schule fliegen. Wir schrieben damals das Jahr 1970 und machten im Jahr darauf doch noch unser Abi. Auch heute, 50 Jahre später, denken wir trotzallem sehr gern an diese und andere Glücksgeschichten, die wir Kinder der "Demokratischsten aller Deutschen Republiken" in unserer Jugend erleben durften. In einer Zeit, die weder grau noch trostlos war!

Wolfgang Papenbrock - 26.03.2020 -

(Dieser Artikel ist mit dem Titel "Die Wandzeitung" auch bei "Begegnungen mit Pressefreiheit" erschienen, unterscheidet sich aber im letzten Absatz deutlich!)


1. Der Glückwunsch




Geburtstag einer "GLÜCKS-Challenge" - 24.03.2020 -



Erst wenn das letzte Quarantäne-Selfie versendet, die letzte Home-Office-Story gedruckt und der letzte Hamsterkauf-Cartoon verblasst, werden wir merken, dass auch an Glück zu erinnern sich lohnt!

Psychologen raten bereits heute: hört Musik, schaut Urlaubsvideos und lest oder schreibt:

Geschichten vom "GLÜCK"!


6. "Hier könnte noch eine Glücksgeschichte stehen" von ... - ....2020

5. "Warum Fotografie glücklich macht" von Jana M. - 07.04.2020

4. "Homeoffice: Von Balkon zu Balkon" von Anja R. - 06.04.2020

3. "Verlieren geht über Studieren" von Ariane B. - 30.03.2020

2. "My Penfriends" von Wolfgang P. - 26.03.2020

1. "Der Glückwunsch" Geburt einer "Glücks-Challenge" - 24.03.2020

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